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Freitag 21. - Sonntag 23. Mai 2010






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Freitag 21 .Mai
 
 
 
 
 
 

Warten Sie gerne?
Wartet man auf etwas Bestimmtes, so wartet man schon etwas weniger.
Warteschlange, Wartezimmer, Wartesaal, Warteliste, Wartefrau, Wartezeit, Erwartung ... geduldiges, sehnsüchtiges, vergebliches Warten ... ?
Das Grimm´sche Wörterbuch schreibt: der Wartende schaut nach etwas, harrt, bis
es kommt. Ein Zustand des Übergangs, ein Ereignis ohne Ereignis, ein Stillstehen der Zeit etwa?

Für den Komponisten Pascal Dusapin ist Warten ein wesentliches Element in seinem schöpferischen Prozess „Denn um zu komponieren, wartet man besser. Lange. In dieser langen, beinahe verlorenen Zeit (die sich in den Details des Schreibens verliert) spielt sich das Warten ab. Warten heißt finden. Um zu finden, muss man Zeit verlieren. Dieser Verlust ist das Warten. Ich bin stets überrascht, wenn ich feststelle, wie das, was Gegenstand meiner Suche war, während des Wartens kommt.“ 

 In „Warten und Vergessen“ macht Maurice Blanchot das Stillstehen der Zeit fühlbar, spürbar, nachempfindbar.
Warten, bereit sein bis „Es“ schießt, wie es der ZenMeister des japanischen Bogenschießens lehrt. Der Schütze den Pfeil auflegt, den Bogen hochnimmt, ihn spannt und in höchster  geistiger Wachheit wartend verweilt.
Finden im Warten die Koinzidenzien von Bewusstem und Unbewusstem statt,
in der Konzentration auf das was kommt, was Innovatives hervorbringt?
Vielleicht befinden wir uns permanent in einem Wartesaal, das Alte im Gepäck,
und wissen nicht, dass Neues nur da hervorkommt, wo Vorhandenes und Vergessenes miteinander verknüpft werden, wo Sicherheiten verlassen werden?

Das Pfingstsymposion München 2010 widmet sich dem Warten, einem Phänomen, dem in unserer Schnelllebigkeit eigentlich kein Raum zusteht, das, trifft es ein, Stress erzeugt, als Belastung und Zumutung wahrgenommen wird, als eine Dauer die „totgeschlagen“ werden muss–
und übersieht, verdrängt, missachtet dabei die Potentiale dieses Zustands.

Das Symposion lädt Experten aus Kunst und Wissenschaft zum interdisziplinären
Diskurs, zu Vorträgen, Diskussionen und Konzerten, wie bei den vorangegangenen Symposien, ein. Es wird im Orff-Zentrum, Kaulbachstr.16  in München stattfinden.
                                                                                                                        Ulrike Trüstedt

 


   
   










 
       
 





Freitag 21. Mai

20.00 Uhr     Orff-Zentrum München
Begrüßung und Eröffnung des Pfingstsymposions München 2010


Das Pfingstsymposion München 2010 steht unter der Schirmherrschaft von Herrn Dr. Hans Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München

Herr Staatsminister Dr. Wolfgang Heubisch eröffnet persönlich das Pfingstsymposion München 2010

Pascal Dusapin, französischer Komponist, hält den Eröffnungsvortrag



 



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Komponieren

Musik, Paradox, Flux,
aus der Werkstatt eines Ohrendenkers

 

Pascal Dusapin
Lettre International / 82

 

Komponieren heißt nicht, die Zeit zu ordnen. Wenn man komponiert, ordnet man die Dinge nicht mit der Zeit, sondern neben der Zeit. Was wir als ein Vorher-Ereignis denken, hat kaum mehr Bedeutung als das, was nachher kommen wird. Komponieren heißt nicht beweisen. Komponieren heißt, Impulse und Flüsse zu erfinden. Das ist wie bei einem fließenden Gewässer. Das kommt von weiter oben, fließt vorüber, man weiß, wohin es fließt, aber das ist nicht das, was uns beschäftigt. Die eigentliche Frage besteht darin, wie man es vermag, das zu komponieren, was quergeht. Komponieren heißt, Querwege, Entfernungen, Distanzen zu erfinden. Das ist wie fliehen und immer weiter fliehen. Aber Komponieren ist langwierig. Und langsam. Sehr langsam. Sehr, sehr langwierig und langsam … Das geht nie voran. Weil man nicht weiß, was das werden wird. Die paradoxe Frage lautet nicht: Wie die Sache vollenden? Sondern: Wie nicht enden? Komponieren heißt, nie zu enden. Zu enden, das würde viel zuviel Zeit kosten, das heißt unsere ganze Zeit. Deswegen werden wir wohl nie enden.
Denn um zu komponieren, wartet man besser. Lange. In dieser langen, beinahe verlorenen Zeit (die sich in den Details des Schreibens verliert) spielt sich das Warten ab. Warten heißt finden. Um zu finden, muss man Zeit verlieren. Dieser Verlust ist das Warten. Ich bin stets überrascht, wenn ich feststelle, wie das, was Gegenstand meiner Suche war, während des Wartens kommt. Dieses Warten ist jedoch nicht inaktiv, im Gegenteil. Das Schreiben einer Partitur ist derart komplex (und damit meine ich „kompliziert“), derart großzügig im Verlieren von Zeit, dass es auf natürliche Weise, beinahe von selbst, den Raum dieses Wartens produziert.

Wenn ein Vogel fliegt, teilt sich die Luft um ihn herum in feine Netze. Jede dieser unsichtbaren Spuren produziert weitere und immer weitere, die sich unendlich teilen, wobei sie feinste Ketten von Wirbeln erzeugen. Die Luft ist von unzähligen vibrierenden Oberflächen durchzogen, deren Perioden unaufhörlich zu anderen werden. Komponieren heißt, ganz so wie bei diesen Luftwirbeln, sich an dieser endlosen Bewegung zu erfreuen. Das ist ein vitalistischer Akt. Was in der Musik auf dem Spiel steht, ihre wahrhafte Begeisterung ist das Werden. Eine andere zu werden. Die Musik ist eine reine Welt vielfachen Werdens, wo alles Bewegung ist und zur Bewegung zurückkehrt, die es hervorgebracht hat. Komponieren heißt, nie zu beginnen, nie noch einmal neu zu beginnen, nie zu enden. Komponieren heißt: weitermachen. In Wahrheit braucht die Musik kaum Zeit. Sie ist die Zeit. Jene andere Zeit aber, die – daneben – vorübergeht, ohne je damit aufzuhören, ist sie wirklich das Gefäß der kommenden musikalischen Ereignisse, wenn wir doch die Entwicklung derjenigen [Ereignisse], die unser Ohr zum erstenmal entdeckt, niemals kennen können? Wenn man sagt: „Das muss ich noch einmal hören“, dann deshalb, weil unser Gehirn den zeitlichen Abstand zwischen der Stille zuvor und der Erinnerung danach nicht verarbeitet hat. Hören heißt also, den Weg wiederzuerkennen. Dagegen bedeutet Zuhören, diesen Weg vor allem zu suchen.